Ein Näschen für den Wein
23. August 2011WEINPRÜFUNG. An der Regierung von Unterfranken testen ausgewählte Fachleute wie Johannes Meuschel, ob fränkische Weine die Amtliche Prüfnummer erhalten. Für die Winzer ein entscheidender Moment.
Würzburg — Langsam führt Johannes Meuschel das Glas zur Nase, schwenkt es ganz vorsichtig und schnuppert. Dann nimmt er einen Schluck, spült den Wein im Mund hin und her und spuckt den Inhalt gleich wieder aus. Zeit zum Genießen haben weder Johannes Meuschel noch seine vier Kollegen von der Weinprüfungskommission: 40 Weine stehen an diesem Vormittag an. „Das ist Arbeit“, sagt der Kitzinger Winzer. Er hätte auch hinzufügen können: Harte Arbeit.
13075 Weine sind im letzten Jahr in den beiden Proberäumen an der Regierung von Unterfranken sensorisch getestet worden. 60 Männer und Frauen schauen, riechen und schmecken beinahe an jedem Dienstag oder Donnerstag in der Woche, ob der jeweilige Wein die sensorischen Voraussetzungen erfüllt, um die amtliche Prüfnummer zu erhalten. Für den Winzer ist das ein ganz wichtiger Moment: Erst mit der Amtlichen Prüfnummer darf er den Wein in Flaschen füllen.
„1,5 Punkte braucht der Wein für Literflaschen, 2 Punkte für die Bocksbeutelabfüllung“, erklärt Hans Neubert, Geschäftsführer der Amtlichen Qualitätsweinprüfung. Er hat in seinem Ordner Daten zu den einzelnen Weinen, die den Mitgliedern der Kommission fehlen. Herkunftsort und Weinbaubetrieb müssen bei der Prüfung beispielsweise streng geheim bleiben. Die Mitglieder der Kommission sollen sich nur auf das Produkt konzentrieren, das gerade vor ihnen im Glas ist. Und sie sollen erst gar nicht Gefahr laufen, subjektiv zu bewerten.
Fünf Mal ein Ja
Johannes Meuschel hat seine Notizen zu den drei Prüfungsmerkmalen Geruch, Geschmack und Harmonie auf dem Formular gemacht. Die Kollegen legen ihrer Bleistifte ebenfalls zur Seite. Die ersten fünf Weine können beurteilt werden. Carmen Bickel-Stumpf, an diesem Vormittag Vorsitzende der Prüfkommission, schaut kurz in die Runde. „Alle fertig?“. Fünf Köpfe nicken. Sekunden später steht fest: Die ersten fünf Weine haben bestanden. Fünf Mal ein eindeutiges Ja. Werner Probst vom Weingut Wirsching, Johannes Meuschel, Ingrid Reifenscheid-Eckert und Markus Hartmann nennen dann noch die einzelnen Werte, die sie für Geruch, Geschmack und Harmonie vergeben haben. Hans Neubert trägt die Einzeldaten gleich in den Computer ein, der daraus den Notendurchschnitt berechnet. „In einer halben Stunde bekommen die Betriebe, die ihre Weine online angemeldet haben, das Ergebnis“, sagt Neubert. Das gesamte Prüfverfahren ist schnell. Fast so schnell wie die Mitglieder der Prüfkommission.
Wir spucken jeden Wein aus.
Zitat: Johannes Meuschel, Weinprüfer.
Die zwei Frauen und drei Männer haben schon wieder fünf neue Weine in ihren Gläsern. Das Prozedere beginnt von vorne. Zeit für Fachgespräche über den Wein? Zeit zum Philosophieren? Pustekuchen. Die Prüfer sind konzentriert bei der Sache. Es wird gearbeitet.
60 Weine in eineinhalb Stunden
Entsprechend still ist es im Probierraum 1. Nur das Kratzen der Bleistifte auf dem Formular ist zu hören, das geräuschvolle Schmatzen Neuberts, der die Weine förmlich einsaugt und die unterschiedlichen Spuckgeräusche der fünf Kommissionsmitglieder. „Wir spucken jeden Wein aus“, erklärt Meuschel. Und das ist auch besser so. Bei 40 Proben würden die Prüfer den Rest des Tages sonst nur noch verschwommen erleben. „Wir haben heute nur eine kleine Probe“, sagt Neubert. Normalerweise verkosten die Prüfer in eineinhalb Stunden 60 Weine.
Bevor die Weine in der Regierung auf ihre Sensorik geprüft werden, sind sie schon chemisch analysiert worden. Das Datenblatt mit den Angaben zur Säure, zum Zucker- und Schwefelgehalt liegt Neubert vor. Nachfragen der Kommissionsmitglieder beantwortet er betont vorsichtig. Daten gibt er nur unter der Prämisse preis, dass keine Rückschlüsse auf den Betrieb gezogen werden können. „Stadtumland Würzburg“, antwortet er daher auf eine Frage nach der Herkunft, „Mainschleife“ auf die nächste.
Viele Fragen haben die Prüfer an diesem Vormittag sowieso nicht. Erst der Wein mit der Nummer 24 fällt aus der Reihe. Eine pilzige Note stellen zwei Prüfer fest. Bitter sei der Wein. Die anderen drei Prüfer schütteln den Kopf. Sie haben ein anderes Ergebnis auf ihrem Formular notiert. Kurze Beratung, dann die demokratische Entscheidung: Nummer 24 erhält gerade noch die 1,5 Punkte, die er für die Literabfüllung braucht. Bei Nummer 25 sind sich die Prüfer dann allerdings einig: Abgelehnt. Die Begründung wird im Computer vermerkt und an den Antragssteller geschickt: muffig, bitter und pilzig schmeckt der Wein. Neuberts Vermutung: „Da war faules Erntegut dabei.“
Lediglich zwei der 40 angestellten Weine werden an diesem Vormittag abgelehnt. Das liegt im Trend. Immer mehr Weine bestehen die Prüfung. Statt 80 bis 85 Prozent in den 90er Jahren schaffen jetzt 94 bis 95 Prozent die Hürde.
Wer abgelehnt wird, hat noch eine zweite Chance. „Der Winzer kann Widerspruch einlegen“, erklärt Neubert. Der Wein kommt dann in eine andere der insgesamt zwölf Kommissionen. „Natürlich ohne dass die Prüfer wissen, dass er beim ersten Mal durchgefallen ist.“
Etwas mehr als eine Stunde ist vergangen, da stehen schon die letzten fünf der 40 Weine auf den Tischen. Zum ersten Mal wird eine 4,5 vergeben. Eine Silvaner Spätlese hat den Rekordwert an diesem Tag erreicht. Im Durchschnitt liegt die Bewertung zwischen zwei und drei Punkten. Große Abweichungen sind bei den fünf Kommissionsmitglieder nicht festzustellen. Große Nachwirkungen erst recht nicht. 40 Weine sind für die Prüfer ein Klacks. Ein Tasse Kaffee trinken sie noch gemeinsam und lassen die Probe kurz Revue passieren. Dann geht es schon wieder weiter in die heimischen Betriebe und zum eigentlichen Beruf. Johannes Meuschel weiß, was ihn an diesem Nachmittag neben der Arbeit im Keller erwartet. „Ein trockener Mund.“
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Der Hintergrund
Die Weinprüfstelle ist an der Regierung von Unterfranken angesiedelt. Oberste Aufgabe ist die Sicherstellung des Verbraucherschutzes für alle geprüften Weine. Die Prüfer werden vom Weinbauverband, vom Weinhandel und von Verbrauchervertretungen vorgeschlagen. Sie müssen eine Prüfung bei der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) abgelegt haben. Die Altersgrenze für Prüfer ist 62 Jahre. Der Berufungszeitraum erstreckt sich auf drei Jahre.
250 Proben werden pro Jahr in der Regierung durchgeführt. Maximal vier Prüfungen können pro Tag stattfinden.
1600 Anträge waren für Silvaner im ersten Halbjahr 2011 zu bearbeiten. Die Rebsorte steht damit auf Platz 1, gefolgt von Müller-Thurgau.
94 Prozent der vorgestellten Weine erhielten heuer bislang die Amtliche Prüfnummer. Vor dem Jahr 2008 lag der Wert unter 90 Prozent.
77 Prozent der geprüftenWeine im Jahr 2010 waren Weißweine, knapp 15 Prozent Rotweine und sieben Prozent Rotling.
Quelle: Zeitung "Die Kitzinger" vom Dienstag, 23. August 2011
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